Träger- und Förderverein ehemalige Synagoge Wetter e.V.

Erinnern braucht Information - Digitales Format zum Erinnern an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

Am 27. Januar 1945 haben die Truppen der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreit. Die dort herrschenden grausamsten Zustände haben der Weltöffentlichkeit in schockierender Weise vor Augen geführt, was Menschen anderen Menschen anzutun in der Lage sind. Der millionenfache Mord in den Gaskammern und alle weiteren Verbrechen gegen die Menschlichkeit dürfen nicht vergessen werden, auch und gerade in Zeiten, die unsere Gesellschaft vor immense Herausforderungen stellen, wie wir sie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erleben mussten.

Es ist für den Trägerverein ehem. Synagoge Wetter daher selbstverständlich dazu beizutragen, dass das Erinnern an die Shoa nicht erlischt. Da in der gegenwärtigen Situation aber leider keine Veranstaltung in der ehemaligen Synagoge selbst stattfinden kann, müssen wir sie in den virtuellen Raum verlegen.

Da wir in den zurückliegenden Monaten mit Erschrecken erleben mussten, wie die Symbole der Unterdrückung und Vernichtung aus der Zeit des Nationalsozialismus in unserer Gesellschaft instrumentalisiert wurden, um die Unzufriedenheit mit dem politischen Handeln angesichts der Pandemiesituation zu bekunden, scheint uns das Erinnern, Mahnen und Aufklären gebotener denn je. Die Vergleiche zwischen den Schicksalen von Anne Frank und Sophie Scholl mit den derzeit notwendigen Kontaktbeschränkungen oder das Tragen von gelben Davidsternen im Zusammenhang mit dem Bekunden einer Impfunwilligkeit sind unerträgliche Verharmlosungen und würdigen die damaligen Opfer in einer Weise herab, die eine wehrhafte Demokratie nicht hinnehmen darf.

Ein angemessenes Aufmerksam-Machen ist für uns daher ein Gebot der Stunde. Wir wollen dies tun, indem wir ab dem 27. Januar ein Video über unsere Homepage (www.synagoge-wetter.de) zugänglich machen. Darin trägt die Künstlerin Ulla Keller drei Lieder vor, die das verzweifelte jüdische Ringen ums Überleben im Angesicht des totalen Vernichtungswillens widerspiegeln, der vom deutschen Boden ausging. Kommentierende Texte erläutern den Hintergrund und die Bedeutung der Lieder. Wir möchten Sie einladen, sich das Video anzusehen und so Teil der Erinnerungskultur zu sein, durch die wir dazu beitragen können, dass sich derartige Gräuel nicht wiederholen.

Lied 1

"Ich wandre durch Theresienstadt"

Den Text des ersten Liedes hat die deutschsprachige Schriftstellerin Ilse Weber verfaßt. Es bringt die ganze bittere Hoffnungslosigkeit  der Deportierten und Inhaftierten zum Ausdruck. Weber wurde zunächst 1942 in das KZ Theresienstadt verschleppt und fand dann zusammen mit kranken Kindern, denen sie zur Beruhigung ein Wiegenlied vorsang, den Tod in den Gaskammern von Auschwitz.

Lied 2

"Don-ay, Don-ay"

Dieses Lied, interpretiert durch amerikanische Folkmusik-Künstler wie Donovan oder Joan Baez, aber auch von deutschen Liedermachern ab den 1970er Jahren, ist durch seine sehr eingängige, traditionelle Melodie, die aus Osteuropa stammt, sehr bekannt. Den jiddischen Text hat der Lyriker, Dramatiker und Publizist Itzhak Katsenelson verfasst. Katsenelson, der am Aufstand im Warschauer Ghetto teilgenommen hat, schreibt von einem Kälbchen, das gebunden auf einem Wagen liegt und zum Schlachten gefahren wird. Er spielt den Gedanken durch was wäre, wenn es statt eines Kälbchens ein Vogel wäre, der frei durch die Lüfte davon fliegen könnte.  Mit diesem Text versucht Katsenelson die Ermordung seiner Eltern zu verarbeiten, deren Deportation er hat mitansehen müssen. Am 3. Mai 1944 musste er selbst den Weg in die Gaskammern von Auschwitz gehen und wurde dort getötet.

Lied 3

"Bei mir biste scheen"

Noch bekannter ist das Lied "Bei mir biste scheen", dass 1937 für ein jüdisches Theater in New York geschrieben wurde und von da aus als mitreißende Swingnummer seinen Siegeszug in die moderne Popkultur gefunden hat. Dieses Lied belegt den ungeheuren Exodus vieler europäischer Juden, die vor der Vernichtung nach Amerika fliehen mussten, sich dort ein neues Leben aufgebaut haben und z.T. als amerikanische Soldaten zurückgekehrt sind, um aktiv dazu beizutragen, den Krieg und das millionenfache Töten zu beenden. Gleichzeitig wurde es in den letzten Kriegsjahren über den britischen "Feindsender" BBC ausgestrahlt und konnte so auch in Deutschland heimlich und unter Lebensgefahr von vor allem jungen Menschen, der "Swingjugend", gehört werden, um dem alltäglichen Sterben und Leiden im Bombenhagel der letzten Kriegszeit zumindest kurz zu entfliehen. So zeugt dieses Lied eindrücklich von der verbindenden Kraft, die Musik und Kultur über alle Grenzen hinweg auszuüben vermag. Dieser Gedanke spricht uns auch in unserer Situation an und erinnert uns, dass wir ohne die Kultur eine ärmere Gesellschaft wären.

Die Veröffentlichung des Videos verzögert sich leider noch etwas aufgrund von urheberrechtlichen Einsprüchen. Sobald dies geklärt ist, werden wir den Link zum Video hier bekanntmachen.

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